„Dr. Kaulig mahnt: Angst vor dem Fremden verlieren“

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Ruth Frankenthal vor dem jüdischen Mahnmal in der Klosterstraße; Foto: Yannik Lohmann

„Ahlen (wit). Die Worte, die Ruth Frankenthal ins Dunkle der Nacht sprach, ließen einem zeitweise den Atem stocken. Man wollte es am liebsten gar nicht glauben, was die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit (Münster) in diesem Jahr erleben musste.“

 

„Seit mehr als 20 Jahren kommt sie am Abend des 9. November nach Ahlen, um am jüdischen Mahnmal an der Klosterstraße bei der Gedenkfeier für die verfolgten, vertriebenen und ermordeten Juden zu sprechen. Und kein Jahr sei vergangen, in dem sie nicht Ungeheuerliches zu berichten hatte.

2012 sei für sie ein „dunkles Jahr“ gewesen, sagte sie und verwies auf die „Nazizelle NSU“. Sie nannte es „beschämend und empörend“, dass die Ermittler hier keine Fortschritte machten. Doch auch ihr selbst und ihrer Familie sei Unsägliches widerfahren. Die Gräber ihrer Vorfahren im sauerländischen Schmallenberg seien in diesem Jahr zerstört worden. Die Stadt habe bislang auf nichts reagiert, auch nicht auf die angebotene Hilfe für einen Wiederaufbau.

Auch seien weder sie, noch jemand aus ihrer Familie zur Stolpersteinverlegung gefragt worden, eine Einladung sei nicht eingegangen. „In Schmallenberg trifft offensichtlich das böse Wort zu: Nur tote Juden sind gute Juden“, ging Ruth Frankenthal mit dieser Stadt, die sie nie mehr betreten wolle, hart ins Gericht. Froh sei sie indes, dass es Städte wie Ahlen gebe, wo man völlig gegensätzliche Erfahrungen machte.

Bürgermeister Benedikt Ruhmöller, der mit Ruth Frankenthal einen Kranz am Mahnmal niederlegte, freute sich, dass so viele Ahlener – nämlich mehr als 100 – zu der Gedenkstunde an den Ort gekommen waren, wo in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 die jüdische Synagoge und Schule von Nationalsozialisten in Brand gesetzt worden war, Ahlener jüdischen Glaubens verfolgt, der Tuchhändler Siegmund Spiegel an der Werse gemartert und dann in der Wilhelm-Straße ermordet worden war. Daran erinnere eindrucksvoll das Mahnmal des Wuppertaler Künstlerehepaars Hees.

Mit Dr. Ludger Kaulig […] sprach erstmals ein katholischer Pfarrer an diesem denkwürdigen Abend. Auf die Zeit des Dritten Reiches eingehend meinte er: „Unser Glaube war viel zu oft keine hinreichende Imprägnierung gegen die Naziideologien“. Auf die jetzige Zeit blickend sagte er, das Muster der Ghettos sei heutzutage wiederzuerkennen, etwa bei Migranten oder Hatz-IV-Empfängern. Er mahnte, die Angst vor dem Anderen, dem vermeintlich Fremden, zu verlieren und diesem nicht die gemeinsame Heimat und Identität zu verweigern.“

 

Quelle: Ahlener Tageblatt, 12. November 2012 (Wittmann).

 

Auch die Ahlener Jusos nahmen an der Gedenkveranstaltung teil.

 
 

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